ist gleichberechtigung schlecht für sex?

Lieber Anchu,

 

hier schreibt dir eine Frau, die deiner Ansicht nach vermutlich dominant, bestimmend und lieblos ist.

 

Meine Leserinnen und Leser kennen mich unter dem Namen Pipa. Ich habe einen kleinen Blog namens frauenmut, der mir viel Freude bereitet. Ich schreibe über die alltäglichen Dinge, die eine Frau beschäftigen, aber auch über gesellschaftspolitische Themen, über Sexismus und Feminismus und Schönheitsideale.

 

Ich höre dich gerade seufzen. Eine Emanze, die dir nach deinem letzten Artikel die Meinung geigen möchte.

 

Emanze mag zutreffen, obwohl ich nicht gerne in Schubladen gesteckt werde. Aber wenn Feministinnen und Emanzen diejenigen sind, die Rollenbilder hinterfragen, dann bin ich wohl so eine und es ist okay, wenn mich manche dafür nicht mehr liebhaben.

 

Ich habe deinen Newsletter abonniert, weil ich mich für alles interessiere, was zwischenmenschliche Kommunikation betrifft. Vor allem fasziniert es mich, wie unterschiedlich (oder auch nicht) Männer und Frauen kommunizieren und wie sie miteinander umgehen.

 

Liebe und Sex zwischen Mann und Frau sind wohl Ebenen, wo viele Missverständnisse aufkommen und wo noch viel Handlungsbedarf besteht. Menschen wie du und ich schreiben darüber und können dazu beitragen, Probleme aufzulösen. Wir können auch dazu beitragen, dass die Fronten sich noch mehr verhärten.

 

Ich habe deinen Artikel Das unbemerkte Problem der Gleichberechtigung“ gelesen. Den ganzen natürlich!

 

Über diese Aussage stolpere ich sehr häufig. Dass Frauen immer unweiblich werden und Männer immer unmännlicher. Und das alles durch die Gleichberechtigung.

 

Weißt du was? Ich verstehe deinen Ansatz, dass sich in der Sexualität etwas verändert hat.

 

Heute möchte ich diesem Ansatz noch etwas hinzufügen. Nämlich dass ich glaube, dass die Gleichberechtigung es vielen Frauen auch ermöglichen kann, ihre Weiblichkeit und Sexualität frei und ungezügelt leben zu können.

 

Grundsätzlich ist es formal falsch, in diesem Kontext von Gleichberechtigung zu sprechen. Vor dem Gesetz sind Mann und Frau, in unseren Ländern zumindest, schon länger gleichberechtigt, haben die gleichen Rechte. Vielmehr geht es um Gleichbehandlung, Chancengleichheit und die Auflösung von strukturellen Unterschieden.

 

In vielen Menschenköpfen gibt es das eine Bild der Frau, die sich für Gleichberechtigung einsetzt: Eine Karrierefrau, die total unweiblich ist, die sich nicht um ihren Körper sorgt, die die Männer im Berufsleben und auch privat total unterbuttert. Und dazu gibt es eben das Bild dieses untergebutterten Mannes, der sich alles gefallen lässt.

 

Ja, es gibt Frauen, die einfach nur die besseren Männer sein wollen und die dadurch sehr hart und verhärmt geworden sind. Das hat aber nichts mit Gleichbehandlung zu tun. Das sind individuelle Geschichten dieser Frauen, die den Feminismus missinterpretieren und ihn willkommen heißen, um ihre Schwächen zu vertuschen.

 

Die Mehrheit der Frauen, die sich für Gleichbehandlung einsetzen, hat einfach nur die Nase voll von Rollenerwartungen, die sie erfüllen sollen.

 

Es fängt bei unseren Körpern an. Unsere Körper haben schön, glatt und haarlos zu sein. Nicht zu dünn, nicht zu dick, nicht zu füllig, nicht zu „knabenhaft“. Unser Busen sollte perfekt sein, nicht zu klein und nicht zu groß. Die Taille schmal, die Schenkel frei von Cellulitis. Unsere Geschlechtsteile sollen glattrasiert und zart, nahezu schon mädchenhaft sein. Unser ganzes Aussehen sollte eher natürlich und unschuldig sein. Das führen wir mit der Kleidung fort. Körperbetont aber nicht zu sexy. Denn wenn wir uns zu sexy kleiden, haben wir den Schlampenstempel auf der Stirn. Wenn wir zu „angezogen“ sind, sind wir prüde oder eben auch zu männlich.

 

Ein hübscher, glattrasierter Körper, volles Haar und lange, lackierte Nägel – diese Attribute mögen deiner Ansicht nach alle weiblich sein. Für viele Frauen bedeutet es jedoch ständiges Diäthalten oder sogar Essstörungen und Operationen um eine „Weiblichkeit“ zu konstruieren, die ihr Körper von Natur aus eben einfach nicht zu bieten hat. Eben, weil es zum Beispiel ein A-Körbchen statt eines C-Körbchens ist.

 

In deinem Artikel schreibst du immer wieder, wovon sich der Großteil der Männer angezogen fühlt. Das beruht auf deinen Erfahrungen, aufgrund derer du dir eine Meinung gebildet hast.

 

Was aber, wenn ich dir von meinen Erfahrungen erzähle und dir den Großteil der Männer, mit denen ich zu tun habe, beschreibe? Ich treibe mich schon seit Jahren auf Datingportalen herum. Es ist Hobby und Zeitvertreib, teils nutze ich es wirklich, um Männer kennenzulernen. Und du wirst nicht glauben, wie viele junge Männer sich nach einer starken, auch mal dominanten Frau sehnen. Ich kann nicht zählen, wie oft ich den Satz „Ich will eine Frau, die mich benutzt und die mit mir macht, was ich will, egal was es ist“, gelesen habe.

 

Sind diese Männer unmännlich? Vielleicht ist das genau deine Bestätigung,  dass sich die Männer den dominanten, bestimmenden, lieblosen Frauen anpassen und einfach keine andere Wahl mehr haben.

 

Aber vielleicht ist das Zugeständnis, dass Frauen auch dominant und Männer auch devot sein dürfen, auch eine Chance für beide Geschlechter?

 

Spiegelt es vielleicht eine Ursehnsucht von Männern wider, die schon immer da war aber durch den Männlichkeitszwang unterdrückt werden musste?

 

Ist es denn nicht auch total schön und befreiend für Männer, wenn sie auch einmal die Kontrolle abgeben, wenn sie einmal nicht leisten und versorgen und ernähren müssen?

 

Wenn sie nicht erobern müssen, nicht immer um die Liebe und Anerkennung der Frau oder den Sex kämpfen müssen?

 

Wenn sie auch einmal das Gefühl haben, richtig gewollt und begehrt zu werden – wie es bei Frauen der Normalfall ist?

 

Wir Frauen sollen uns bei diesem erobert werden zieren, ansonsten droht der schon vorhin erwähnte Schlampenstempel. Das Patriarchat und die Erwartung an unsere Sexualität sind die viel größeren negativen Einflussfaktoren als die „Gleichberechtigung“.

 

So wie unsere Körper einem Ideal entsprechen sollen, soll es auch unsere Sexualität tun. Wir sollen unschuldig und angepasst sein, wir sollen unser Begehren im Zaum halten, denn ansonsten liefen wir Gefahr, jemanden zu überfordern. Natürlich sollen wir auch nicht zu langweilig sein, aber alles bitte im angemessenen Rahmen.

 

Auch diese Schublade passt mir nicht, ist mir viel zu eng. Wir Frauen sollen zärtlich, liebevoll und passiv sein. Und wir sollen mit unserer Sexualität so gut wie möglich haushalten, uns rar machen, uns nicht anbiedern. Warum hat es dann die Natur so eingerichtet, dass ich, wenn ich den Eisprung habe oder kurz davor stehe, Tag und Nacht nur an Sex denken kann und total fixiert bin? Ist dieses animalische, triebhafte und wilde Begehren unweiblich?

 

Das alles ist ein winzig kleiner gedanklicher Auszug und an manchen Stellen sind meine Gedankengänge nur im Ansatz erwähnt und nicht ausgefeilt. Es gibt noch so viel zu sagen. Ich werde dazu noch sehr viel sagen. Zur Lust der Frau, zum Mut, den ersten Schritt zu machen. Dazu, welche Erwartungen Männer nicht erfüllen müssen. Aber das werde ich an anderer Stelle machen.

 

Ich zumindest habe keine Lust mehr, Erwartungen zu erfüllen, die die Gesellschaft oder Modeindustrie an uns Frauen stellt. Und ich habe auch keine Lust, irgendwelchen Rollenbildern zu entsprechen. Ich nehme meinen Körper so an, wie er ist und ich liebe ihn, auch wenn ich über eine Taille verfüge, die auf diversen Skalen nicht ideal weiblich ist. Ich möchte meine Sexualität so leben, dass sie ein erfüllender Bestandteil meines Lebens ist, auch wenn ich mich dabei nicht so verhalte, wie es in Frauenzeitschriften und Ratgebern empfohlen wird.  

 

Eine starke, emanzipierte Frau sträubt sich nicht gegen die Weiblichkeit. Sie lebt vielmehr ihre ureigene Weiblichkeit in all ihren Facetten. Aber es ist eben eine individuelle Weiblichkeit, keine kollektive, die von Medien, Gesellschaft, der Industrie oder Ratgebern vorgegeben wird. Und dann, wenn eine Frau diese Weiblichkeit in sich gefunden hat, dann ist auch die Sexualität ganz wild und frei und unglaublich erfüllend. Für beide.

 

Deine Pipa.

 

bild: pixabay/Zerocool
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One comment on “ist gleichberechtigung schlecht für sex?”

  1. Anchu Kögl sagt:

    Hi Pipa,

    erst mal Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, auf meinen Artikel mit einem eigenen Artikel zu antworten.

    Vielleicht bist du enttäuscht, aber ich stimme dir in vielen Punkten zu. Um ob du eine Emanze bist oder nicht, das weiß ich nicht, da ich dich nicht kenne. In diese Schublade steckst du dich vermutlich selbst.

    Das Gleichberechtigung und Gleichbehandlung auch viel gutes gebracht haben ist absolut richtig. Zum Beispiel die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Jede Frau sollte ihre Sexualität so ausleben, wie sie es möchte. Leider hat unsere Gesellschaft da noch Nachholbedarf, da immer noch viele Frauen wie Männer die Frauen verurteilen, die sich sexuell ausleben. Manche Frauen sehen sich sogar selbst als Schlampe, falls die mit einem Mann schnell ins Bett gehen, mit vielen Männern Sex haben oder im Bett „unanständige“ Dinge machen. Das ist schade.

    Das unsere Gesellschaft einen Schönheitswahn hat, ist klar. Wahrscheinlich trifft dieser die Frauen stärker, doch auch die Männer sind davon betroffen. Nicht wenige Männer rennen 5 Mal die Woche ins Fitnessstudio und wiegen ihr Esse ab, um Muskeln aufzubauen und einen definierten Körper zu haben. Einige spitzen sich sogar verbotene Mittel und riskieren ihre Gesundheit. Mittlerweile gibt es mehr und mehr Männer, die sich als unmännlich betrachten, weil sie keinen Vollbart haben, was ja momentan gerade in Mode ist. Das nur als kleine Beispiele am Rande.

    In meinem Artikel erkläre, dass sich die meisten Männer von weiblichen Frauen und die meisten Frauen von männlichen Männern angezogen fühlen. Nie habe ich behauptet, dass es alle sind. Deshalb gibt es sicherlich auch Männer, die auf „männliche“ Frauen stehen und Frauen, die auf „weibliche“ Männer stehen. Wieso spreche ich in meinem Artikel von den meisten? Das ist meine persönliche Erfahrung, das was ich in unser Gesellschaft beobachte. Hinzu kommen Tausende von Leseremails, die ich in den letzten Jahren bekommen habe (Ja, meinen Blog lesen viele Menschen).

    Falls du andere Artikel von mir gelesen hast, wirst du gemerkt haben, dass ich keiner Frau empfehle sich rar zu machen oder nicht die Initiative zu übernehmen – ganz im Gegenteil. Ich rate jeder Frau, die Initiative zu übernehmen, falls sie einen Mann (oder eine andere Frau) toll findet.

    Ich habe soeben mein neues Datingbuch fertiggeschrieben (es wird gerade Korrekturgelesen). Das Buch ist Unisex und richtet sich gleichermaßen an Männer und Frauen.

    Vielleicht sind unsere Meinungen gar nicht so verschieden, wie du glaubst – oder es dir wünscht. Das weiß ich natürlich nicht.

    LG

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