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Instagirls: Priesterinnen der Neuzeit?

Beitragsbild: Daniela Vallant I Fotografie

Was haben Instagirls mit Religion zu tun? Sehr vieles, finde ich. Inspiriert hat mich ein Artikel der Bloggerin Kea

Kea schreibt in einem Beitrag:

„Ich sehe katalogreif eingerichtete Wohnungen. Ich sehe katalogreife Wohnungen, die von gut aussehende Frauen mit makelloser Haut und schneeweißen Zähnen bewohnt werden. Ich sehe gut aussehende Frauen in katalogreifen Wohnungen, die beruflich wahnsinnig erfolgreich sind. Ich sehe gut aussehende Frauen, die von ihrer katalogreifen Wohnung und ihrem florierendem online-Business eine Auszeit nehmen – Liebesurlaub auf Bali. Ein Instajahr später krabbelt zu ihren Füßen der wollbestrickjackte Nachwuchs über den Beni Ourain Teppich. 
Ein derartiges Leben wird bejubelt, beklatscht, geliked. Und beneidet. Die Messlatte liegt in schwindelerregender Höhe. Und die meisten von uns scheitern in einem, meistens in mehreren Bereichen an diesem Ideal. Dabei wollten wir doch alle bloß glücklich sein.“
-> zum Artikel

Social Media als Ort für den Glauben?

Kea spricht vor allem über das Fehlen von Bescheidenheit. Das möchte ich um ein paar meiner Gedanken ergänzen. Ich glaube nämlich, dieses gierige Handeln und der Wunsch nach mehr haben ihren Ursprung in der Suche nach dem Glauben. 

Denn wenn ich mir ansehe, wie überperfekte Instagirls so bedingungslos verehrt, vergöttert und bewundert werden, wirft das in mir einige Fragen auf.

Was, wenn Social Media unsere neue Kirche ist?

Glauben wir tief an Instagirls und ihre Botschaft? Brauchen wir für unser seelisches Wohlbefinden gottesgleiche Vorbilder, deren Perfektion wir niemals in Frage stellen, auch wenn wir uns bewusst sind, dass diese gar nicht echt ist?

Wünschen wir uns insgeheim sogar, einer kompletten Lüge aufzusitzen und uns so einem Konstrukt bedingungslos zu unterwerfen?

Aus einem meiner Lieblingsbücher stammt der Satz: „Die Menschen glauben, weil sie glauben wollen.“

Es geht nicht darum, dass diese Gesichter, Bodys, Wohnungen und Stories echt sind. Es geht darum, dass wir unbedingt dran glauben wollen, dass sie echt sind.

Warum wir glauben (wollen)

Ich bin katholisch erzogen worden. Kirchengebäude finde ich sehr beeindruckend und zahle den jährlichen Kirchenbeitrag, weil man es eben so macht und ich die Menschen auf der Kirchenbeitragsstelle so nett finde. Praktizierende Christin bin ich keine und die Institution ist mir nicht wichtig aber: Ich glaube.

Der Glaube an etwas macht uns stark. Glaube hilft uns in unseren dunkelsten Stunden. Glaube tröstet uns, auch wenn das, woran wir glauben, gar nicht wahr sein kann. Zum Beispiel, dass liebe Menschen, die von uns gehen, einfach weiterreisen und in den Himmel kommen, wo wir uns irgendwann wiedersehen.

Frei nach dem Philosophen Slavoj Žižek glauben wir an Illusionen, auch wenn wir wissen, dass es Illusionen sind.

Damit wir unseren Glauben entfalten, ausleben und uns darüber austauschen können, brauchen wir (meistens) eine Religion.

Vielleicht brauchen wir Glaube und Religion mehr denn je. Wir leben in einer Zeit, in der wir keinen Bezug mehr zur Natur und zu unseren Körpern und zu unserer Seele haben, desorientiert sind, konfrontiert mit schlechten Nachrichten, Krisen und Terrorismus. Wir sehnen uns nach einem geschützten Raum. Ein Raum, in dem wir es schön haben, der perfekt ist, in dem wir unseren Träumen nachhängen können und in dem wir unsere perfekten Gottheiten anbeten können.

Früher die einen können diese Räume Kirchen sein, für andere, vor allem für junge Menschen und Digital Natives kann Social Media so ein Raum sein.

Vergöttern von Instagirls ist normal, Gott vergöttern komisch und old-school

Wenn wir die Praktiken von Instagirls mit religiösen vergleichen, gibt es durchaus Parallelen, die uns vielleicht gar nicht bewusst sind.

Wir finden die zehn Gebote komisch und wollen uns nichts vorschreiben lassen aber wir stellen es nicht infrage, wenn die zehn Ernährungsregeln von Instagirl X zum Hype werden.

Religiösen Fundamentalismus beäugen wir kritisch aber wir finden es normal, wenn ein Mädchen unter die Wall einer ihrer Idole schreibt: „Ich würde alles für dich tun, ich würde auch für dich sterben“

Menschen, die zu religiösen Orten pilgern um sich Segen zu holen, belächeln wir aber finden es gleichzeitig okay, wenn tausende junge Menschen auf ein Blogger-Meet-and-Greet“ pilgern, um ein Selfie mit ihrer Ikone zu schießen.

Wir finden abendliche Gebete und Rosenkranz beten lächerlich aber führen ein Dankbarkeitstagebuch und ohmen beim Yoga, weil uns das ach so entspannt.

Unreflektierter Glaube und blinde Gefolgschaft machen mir Angst, weil es Menschen erpressbar und verwundbar macht. Wenn mit unserem Glauben Schindluder getrieben wird, kann uns das Geld, Gesundheit oder gar das Leben kosten.

Sind Instagirls böse?

Instagirls sind nicht teuflisch. Auch wenn es welche gibt, die mit dem Glauben ihrer teils sehr jungen Fans spielen und sie – wenn auch immer sehr subtil – emotional erpressen. Sie werden gemeinhin eher als „die Guten“ angesehen. Jemand, dem man folgen sollte. Sie sind, wenn man es so will, die Priesterinnen der Neuzeit, die Illusionen erzeugen, aufrechterhalten und weiter verbreiten. Ich sehe das kritisch, darüber habe in diesem Artikel schon geschrieben.

Sie packen Menschen da an, wo sie am verwundbarsten sind und wo Glaube für manipulative Zwecke eingesetzt werden kann: dem Wunsch, dazuzugehören und geliebt zu werden. Kaufe die Wimperntusche, ergo wirst du schöner, ergo mehr geliebt. Kaufe das Duschgel mit meinem Logo und du besitzt einen Teil von mir (= deiner Göttin) in deinem Badezimmer. 

Wenn man diese Analogie weiterführen wollte, ständen hinter diesen Priesterinnen nicht die Kirche sondern Konzerne.

Was tun?

Glaube lässt sich nicht auslöschen sondern nur verlagern.

Meine Definition des gesunden, guten Glaubens ist der, der uns ehrfürchtig sein lässt vor der Macht der Natur und den Gesetzen der Physik und voller Demut vor dem Leben und dem Tod. Das bedeutet für mich in der Praxis, die digitale Scheinwelt öfter auszublenden und mich mehr in die echte Welt zu begeben. Echte Luft einzuatmen und so alle Funktionen meines Körpers zu spüren, der ein Wunder der Natur ist.

Es heißt auch, mehr „Fakten“ hinterfragen, die wir eigentlich nicht hinterfragen. Glaubenssätze, unbewusste Vorurteile, die so in Stein gemeißelt scheinen, weil sie uns immer wieder medial vermittelt werden: Wer dünn ist, ist automatisch gesund. Wer schön ist, ist erfolgreich. Frauen müssen gute Mütter, perfekte Hausfrauen und liebevolle Ehefrauen sein. Da hilft die Frage: „Ist das wirklich so?“

Wir können auch versuchen, hinter die Fassade schauen und Heuchler*innen erkennen. Wer sagt denn, dass dein Lieblingsyogagirl nicht Wasser predigt und Wein trinkt, also sich auf die Kosten ihrer Follower*innen bereichert und sich dabei ins Fäustchen lacht?

Da bedeutet auch, damit aufzuhören, daran zu glauben, dass unsere (digitalen) Gottheiten uns nur Gutes wollen, wenn wir sie nur bedingungslos genug verehren und Opfer bringen. Jede/r der sich im Internet präsentiert, will etwas von seinen Anhänger*innen. Sei es, dass ihm/ihr zugehört wird, der Wunsch nach Akzeptanz, Liebe, Geld oder gehört zu werden. Wer eine große Anhänger*innenschaft hat, verfügt über große Macht und diese lässt sich auch ausnutzen.

Wir könnten an unseren freien Willen glauben, mit dem wir gute oder schlechte Taten verrichten können.

Und wir könnten langsam mal anfangen daran zu glauben, dass wir der Internetreligion nicht hilflos ausgeliefert sind. Sondern, dass wir handelnde, fähige Menschen sind, die sich ihre und die Welt anderer Menschen selbst gestalten können und sich keinen Gottheiten – in welcher Form auch immer – unterwerfen müssen.

2 Kommentare zu “Instagirls: Priesterinnen der Neuzeit?

  1. Liebe Pipa,
    ich freue mich sehr, dass mein Artikel dich zu diesen spannenden Gedanken inspirieren konnte! Ich werde mich gerne in einer künftigen Reihe von Blog-Artikeln, die bei mir gerade zu einem ähnlichen Thema in der Mache sind, auf einige Passagen beziehen. Natürlich verlinke ich dich dann – schön, wenn sich so ein Diskussions-Gedanken-Ping-Pong ergibt!
    Liebe Grüße,
    Kea

    • Oh, das freut mich! <3 Ich bin schon von mehreren deiner Artikel inspiriert worden - da ist auch noch etwas in Arbeit. 😀 Tolle Sache, die ihr mit betterblogs.de aufgestellt habt - ich wünsche euch für diese bessere Art zu bloggen ganz viel Erfolg. 🙂

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