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Hast du es mit einem Narzissten zu tun? Interview mit Artemis von “Hilfe für Opfer von Narzissten”

Bist du an einen Narzissten geraten? Und wie kommst du von ihm los?

Die Nürnbergerin Artemis, selbst Betroffene, hat eine Online-Community für Opfer von Narzissten ins Leben gerufen. Einen Blog, einen Youtube-Channel, eine Facebook-Seite, auf der Informationen bereitgestellt werden und eine Gruppe. Die Facebook-Gruppe, die sie gegründet hat, versteht sich als sicherer Ort, wo Menschen gehört und verstanden werden. Sie habe anfangs mit einer Gruppengröße von 20 Personen gerechnet, sagt Artemis. Mittlerweile umfasst die Gruppe, in der sich ausschließlich Angehörige und keine Narzissten austauschen, mehrere hunderte Mitglieder und die Anzahl steigt laufend. Auch ein Verein ist geplant.

Einige Mitglieder der Gruppe haben Erfahrung mit Narzisstinnen weil sie mit ihnen eine Beziehung führen, viele davon leben in Trennung oder haben sich schon getrennt. 

„Ich will Angehörige aus dem Tiefschlaf holen, in dem sie sich oft befinden“, sagt die Gründerin von „Hilfe für Opfer von Narzissten“. Ihr Ziel ist es, Angehörige im deutschsprachigen Raum aufzufangen und sie mit Informationen zu versorgen. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Hinweis: Für einen fairen Sprachgebrauch werden die männliche, weibliche oder beide Formen abwechselnd verwendet.

Pipa: Was sind denn nun eigentlich Narzissten? Sind das einfach Arschlöcher?

Artemis: Es gibt auch einfach Arschlöcher, natürlich. Oder Menschen, die eine gescheiterte Beziehung hatten und dann einfach behaupten, dass das andere Geschlecht scheiße sei. Das hat dann auch nichts mit Narzissmus zu tun, ist aber eher die Ausnahme. Der Großteil der Menschen, die behaupten, Opfer von Narzisstinnen zu sein, sind es auch tatsächlich.

Richtige Narzissten sind krank. Was ihr Verhalten natürlich nicht rechtfertigt, da sie den Angehörigen ja Schaden zufügen. Das geht sehr in die Tiefe und es gibt viele Abstufungen. Von harmloseren Fällen bis hin zu malignen Narzisstinnen, also richtige Psychopathinnen, die ihre Mitmenschen quälen und schlagen. Das sind Beispiele, die bei einer groben Orientierung helfen können. Ich rate aber dringend davon ab, selbst Diagnosen zustellen. Dafür muss ein Profi herangezogen werden.

Glaubt man der Fachliteratur, haben Narzissten oft eine Scheiß-Kindheit durch. Sie mussten sich verstellen, um zu gefallen. Als Erwachsene fallen sie dann in dieses Schema zurück. Grob gesagt, ist also Narzissmus ein Schutzreflex aus der Kindheit.

Welchen Anteil haben Partner*innen und Partnern in der Beziehung?

Sie ermöglichen sein Verhalten auf eine gewisse Art und Weise. Daher ist es wichtig, dass die „Opfer“ erkennen, was mit ihnen gemacht wird.  Narzisstinnen sind außergewöhnlich geschickt. Sie wickeln die betroffenen Personen ein, manipulieren sie, kontrollieren sie und isolieren sie von ihrem Umfeld. So kann es sehr lange dauern, bis man die Manipulation dahinter sieht. Und es kann jede*n treffen, egal wie taff der Mensch ist oder war. Narzissten üben psychische Gewalt aus, sie zerstören ganz langsam. Und wenn man merkt, was da passiert, ist das Ganze manchmal schon sehr weit fortgeschritten.

Es gibt auch extreme Fälle. Wenn jemand nun eine Abhängigkeitsstörung hat, springt er oder sie natürlich voll darauf an. Das sind zum Beispiel Menschen, die wenig Selbstbewusstsein haben und sich gerne aufopfern. Das funktioniert oberflächlich auch ganz gut, bis sich die abhängige Person eben weiterentwickeln will.

Warum machen zum Beispiel Menschen, die mit Narzissten zusammen sind, nicht Schluss?

Menschen werden unbewusst abhängig. Und der Narzisst oder die Narzisstin gibt ihnen auch das Gefühl, sie seien alleine nichts mehr wert. Als Partner*in hat man das Gefühl, man sei kein eigenständiger Mensch mehr.  Manche fühlen sich, als seien sie einer krassen Sucht ausgeliefert. Wie auf Heroin. Sogar mit Entzugserscheinungen, wenn man den/die andere nicht sieht. Einige nehmen da sehr viel auf sich, auch, dass sie geschlagen und vergewaltigt werden.

Wer braucht die Therapie, Narzistinnen und Narzissten oder der/die „Opfer“?

Meiner Meinung nach beide. Der Narzisst wird aber freiwillig eher aus anderen Gründen in Therapie gehen. Zum Beispiel weil er zum Beispiel nur Anzeichen einer Depression erkennt, nicht aber den Narzissmus. Unter dem Verhalten wird der Narzisst auch eher nicht leiden. Den „Opfern“ würde ich auf jeden Fall eine Therapie empfehlen! Sie sind in den meisten Fällen richtig manipuliert und verdreht worden, sodass sie keine Intuition und kein logisches Denken mehr haben.

Wie groß ist die Chance, dass der Narzisst sich ändern und alles gut wird?

Die Chancen dafür liegen meiner Erfahrung nach bei Null. Aber manche, die mit Narzisst zusammen sind haben diesen Rettungsgedanken! Das ist bei Shades of Grey auch ganz offensichtlich! Da sagt auch jemand zu Anastasia: „Du bist nicht die Einzige, die ihn retten wollte“. Ganz typisch. Die denken sich, ach der ist so nett und so toll und das ist doch nur eine Krankheit und ich möchte ihn retten. Das wollen ganz viele. Darum bleiben auch so viele, weil sie glauben sie können ihn retten mit Liebe!

Ein Narzisst oder eine Narzisstin müsste den Narzissmus erkennen, mit dem ganzen Umfang, mit den ganzen Qualen, die er/sie dem anderen bereitet, dann hätte das vielleicht eine Chance. Manche ändern sich halt kurzfristig, und wenige Zeit später ist wieder alles beim Alten. Es wäre ja auch für Narzissten ganz schrecklich, herauszufinden, was sie anderen Menschen da eigentlich antun. Das kann ein Mensch kaum ertragen, deshalb greift hier auch wieder ein Schutzmechanismus.

Christian Grey ist ein Narzisst?

Grey ist wohl das Paradebeispiel des Narzissten. Kompletter Kontrollfreak, bestimmt über andere und über das Sexleben. Ich habe auch schon ganz oft gesehen, dass Narzissten Anhänger*innen von BDSM sind, weil es da oft auch um Kontrolle und Macht geht. Hier gilt natürlich nicht der Umkehrschluss, also dass BDSM-Anhänger*innen automatisch Narzisten oder Narzisstinnen sind, das möchte ich klar betonen.

Was bei Grey aber total unrealistisch ist, ist, dass er sich ändert. Ein Narzisst ändert sich nicht und sagt nicht: „Ach ja! Und jetzt höre ich auf damit, weil jetzt liebe ich dich ja“. Genau das vermittelt in diesem Fall Frauen ja das Wunschdenken, man könne jemanden heilen durch Liebe. Das ist ein Märchen, das würde nie so passieren. Im wahren Leben würde Grey niemals aufhören, so zu sein.

In der Fachliteratur gibt es zwei klassische Auslöser von Narzissmus: Wenn Kinder missbraucht werden, auch psychisch. Wenn eine Mutter zum Beispiel Narzisstin ist, müssen sich die Kinder immer nach ihr richten, damit sie sie lieb hat. Dann gibt noch die, die aus dem reichen Elternhaus kommen, werden total verwöhnt. Die bekommen einen Porsche geschenkt aber keine Liebe. 

Wie merkt man denn, dass man mit einem Narzissten oder einer Narzisstin zusammen ist?

Manchmal ist das schwierig und es kann Jahre dauern. Anfangs denken Partner*innen meistens, sie sind schuld, sie sind falsch und böse. Sie werden ja manipuliert, klein gehalten. Manche kommen durch Zufall drauf, weil sie irgendwo auf einen Artikel stoßen, andere, weil sie aus anderen Gründen zur Therapie gehen und es dort dann rauskommt. Gute Therapeut*innen erkennen sowas ziemlich schnell. Es gibt auch diejenigen, die irgendwann ihrer Intuition wieder trauen und bemerken, dass da etwas nicht stimmt, die recherchieren dann auch. Auf jeden Fall ist Erkenntnis ganz wichtig.

Wann sollten die Alarmglocken schrillen und wie bemerkt man bösen Narzissmus?

Das lässt sich pauschal schwer sagen. Wenn Eltern oder sonstige Angehörige Narzissten sind, kann sich das ganz anders  gestalten als in einer Beziehung. Elternteile können zum Beispiel auf den Tisch hauen, Gespräche abrupt beenden, ihre Kinder psychisch missbrauchen. Etwa ein Kind so lange runtermachen, bis es etwas zugibt, was es gar nicht gemacht hat. Das ist nur ein kleiner Auszug der Bandbreite.

Beim romantischen Kennenlernen merkt man das auch gar nicht direkt, weil Narzisstinnen und Narzissten eine gewisse Anziehung, ein hohes Charisma, haben. Anzeichen können sein, dass der Beziehungshimmel anfangs voller Geigen hängt und alles übertrieben wird. Bei den Geschenken, bei den Komplimenten. Und nach einem Tag kommt schon das „Ich liebe dich“.

Später erfolgt immer mehr Abwertung. Dies beginnt mit „harmlosen“ Witzen oder Bloßstellen und kann mit lügen und betrügen enden. In Streitgesprächen können Konflikte nicht gelöst werden, weil sich alles nur im Kreis dreht, oder die Narzisstin beendet das Gespräch abrupt. Sie entschuldigen sich auch nur ungern, wenn überhaupt und spielen ein schlechtes Gewissen nur vor. Die Empathie fehlt. Wenn die Partner*innen dann traurig sind, werden sie auch nicht getröstet, und wenn, ist es nicht ehrlich gemeint. Insgesamt fühlt sich vieles dann an, als sei es einstudiert. Weil ihnen die Bewunderung in der Beziehung nicht reicht, gehen viele Narzissten auch fremd, das erzählen zumindest viele betroffene Partner*innen.

Ist Trennung vom Narzissten oder der Narzisstin die einzige Lösung?

Meiner Erfahrung nach in 99,9 % der Fällen ja. Wie schon gesagt, manche können sich kurzfristig ändern aber niemals langfristig.

Wie viele trennen sich tatsächlich?

Viele schaffen den Sprung, denn nicht alle sind abhängige Persönlichkeiten. Bei manchen reicht es schon, wenn sie erkennen, was abgeht. Aber das ist ganz verschieden. Jede*r braucht seine Zeit und soll sich diese auch nehmen.

Man darf aber nie vergessen, dass Narzisstinnen und Narzissten wirklich jede*n einwickeln können. Es gibt ganz viele Frauen, die drauf schwören, sie seien nicht manipulierbar. Und im gleichen Atemzug laufen sie ins Kino, um Christian Grey, den Paradenarzissten, anzuhimmeln. Auch wenn sich das witzig anhört, genau so passiert das. Menschen sind geblendet vom Charisma des Narzissten und machen auch lange mit. Und dann ist eine Trennung oft nicht ganz einfach.

Wo finden Angehörige Hilfe oder können sich vielleicht sogar selbst helfen?

Informieren ist da die Devise. Deshalb habe ich auch die Seite und die Gruppe gegründet. Es gibt so viele Menschen, die betroffen sind, und die glauben, sie sind schuld daran, dass sie so behandelt werden. Ihnen wird eingeredet, dass sie scheiße sind, dass sie zu sehr klammern, und sie denken dann auch, sie verdienen diese Behandlung.

Wenn ein Leidensdruck vorhanden ist, empfehle ich immer, zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten zu gehen oder zu einer dementsprechenden Beratungsstellen. Eine Liste für solche Anlaufstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir gerade in Arbeit.

Auch kann man sich Fachliteratur besorgen. Empfehlenswert sind hier zum Beispiel die Bücher von Heinz-Peter Röhr, einem Therapeuten, der sich mit Narzissmus auseinandergesetzt hat. Weitere Empfehlungen geben wir auch in unserer Gruppe.

Liebe Artemis, danke für das Interview!

 

Seite von Artemis: Hilfe für Opfer von Narzissten

Artemis empfiehlt folgende Bücher (Werbelinks): 

Wege aus der Abhängigkeit – Belastende Beziehungen überwinden

Wenn Frauen zu sehr lieben – Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden

Anmerkung im Interesse von Artemis und der Autorin

Artemis ist Betroffene und  hat zum Thema umfassend recherchiert und sich mit Expertinnen und Experten ausgetauscht. Die Erzählungen und Ausführungen von Artemis beruhen auf wissenschaftlicher Literatur und ihren Erfahrungen in der Gruppe. Aussagen sind nicht allgemein gültig. Die Facebook-Fanpage sowie die Gruppe dienen rein zur Information und zum Austausch. Artemis empfiehlt Betroffenen therapeutische Behandlung durch Expertinnen und Experten.

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Beitragsbild: Pixabay/Free-Photos

1 Kommentar zu “Hast du es mit einem Narzissten zu tun? Interview mit Artemis von “Hilfe für Opfer von Narzissten”

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