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Nie wieder Diät: Normal essen – wie können wir es wieder lernen?

Normal essen kann man wieder lernen!

Normal essen – geht das überhaupt noch, wenn man jahrelanges Diät halten (mehr dazu im Teil 1 von “Nie wieder Diät!”) hinter sich hat? Ich bin überzeugt davon, es schaffen zu können und finde es schade, dass ich so viele Jahre ignoriert habe, welche Bedürfnisse ich habe.

Denn bei Diäten wird nicht intuitiv darauf gehört, was der Körper braucht und seien sie nährstofftechnisch noch so ausgeklügelt. Die Ernährung in einer Diät erfolgt nun mal nach Plan und nicht nach Bedürfnissen.

Deshalb haben für mich Diäten nichts mit gesunder Ernährung zu tun. Und nicht einmal „gesunde Ernährung“ hat für mich mit gesunder Ernährung zu tun, weil daraus ein auch krankhaftes Verhalten entstehen kann (nicht zwangsläufig muss).

Würde man uns nicht ständig vorschreiben, was wir zu essen haben, und würden wir unsere Figur nicht ständig durch Essen formen wollen, würde unsere Körper intuitiv wissen, was er braucht. Über die Zeit ist uns das natürlich abgewöhnt worden und wir haben kein Vertrauen mehr oder Suchtstrukturen entwickelt. 

Wenn Diäten süchtig machen

Diese entstehen leicht als Folge von Diäten. Wer zuvor süchtig nach ungesundem Essen war, läuft Gefahr, magersüchtig oder bulimisch zu werden. Neuere Phänomene sind Orthorexie oder Biggerexie, die Sucht nach einem zwanghaft gesundem Lebensstil oder Muskeln. Das sind allerdings Süchte, die gesellschaftlich anerkannt und sogar als nachahmenswert erachtet werden, leben doch viele unserer Insta-Vorbilder genau diesen Lebensstil!

Wir sind uns über so viele psychische Erkrankungen bewusst, trotzdem viele nach wie vor Tabuthemen sind, über die Betroffene nicht gerne in der Öffentlichkeit sprechen. Was das Essen betrifft, kennt man zwar die verschiedenen Süchte, doch atypisches Essverhalten wird nur selten berücksichtigt.

Was in den Köpfen von dicken Menschen und vor allem Kindern vor sich geht, schert niemanden, solange sie nur die gesellschaftlich akzeptierte Idealkörperform haben  – das habe ich an dieser Stelle schon kritisiert.

Ist dick sein und normal essen das neue Ziel?

Viele denken ja, wer gegen Diäten und Abnehmen und auch diesen „gesunden Lebensstil“ ist, wäre dazu verdammt, irgendwann mittels Feuerwehrkran aus der Wohnung geborgen zu werden. Es mag die dicken Menschen geben, die irgendwann resignieren und dann der Welt verkaufen wollen, sie würden sich so hundertprozentig wohlfühlen. Ich spreche hier bitte von massivem Übergewicht, nicht von ein paar Kilo zu viel auf den Hüften.

Ich persönlich glaube aber nicht, dass mehr Toleranz seinem Körper und den Körpern der anderen gegenüber zu einer tendenziell übergewichtigeren Gesellschaft führt.

Für mich gibt es nur EINE bedeutende Frage, die eine Veränderung auslösen sollte: Leide ICH unter meinem Gewicht? Damit meine ich körperlichen Schmerz, allgemeines Unwohlsein und mangelnde Fitness und nicht den Druck, der von außen auf uns ausgeübt wird, weil man ein bestimmtes optisches Ideal erfüllen muss.

MUSS ich wirklich abnehmen?

Für mich fängt das Beschäftigen mit dem Gewicht also da an, wo ein Leidensdruck entsteht. Und ich meine nicht den Druck seitens der Gesellschaft! Wir können anfangen uns zu fragen: Wollen wir abnehmen, damit wir uns auf Insta schön selbst inszenieren können oder ist das wirklich notwendig für unsere Gesundheit? Was bringt mir ein Waschbrettbauch außer Bewunderung? Auf wieviel müsste ich verzichten, um die Idealfigur nach Definition der Gesellschaft zu erreichen und wieviel Kraft wird es mich kosten, diese auf Dauer zu halten?

Wenn wir uns gut ernähren, normal essen, uns bewegen, glücklich sind aber das alles halt mit ein Kilos mehr, warum soll es nicht endlich erlaubt sein, auch so bleiben zu dürfen? Damit will ich niemandem dreinreden, der oder die auch aus optischen Gründen abnehmen will! Meine Kritik gilt dem Ideal und dass die Gesellschaft Körper ächtet, der diesem nicht entspricht, auch wenn er gesund ist!

Vom Diät-Wahnsinn zum Wohlfühlen

Meine persönliche Lösung liegt darin, die Ursachen zu ergründen und eine pragmatische Sichtweise zu erlangen. Dazu zählt für mich das Konzept des Wohlfühl-Essen und des Wohlfühl-Gewichts. Und das heißt für mich, einfach normal essen.

Wenn ich mich mit einer 300-Gramm-Tafel Schokolade vollstopfe und mir danach schlecht ist, ist das kein Wohlfühlen. Wenn ich mir Schokolade grundsätzlich verbiete, obwohl ich richtig Lust darauf habe, auch nicht!

In der Praxis heißt das für mich, dass ich viel mehr auf mein Körpergefühl hören möchte. Essen, wenn ich Hunger habe. Aber auch, wenn ich meiner Seele etwas Gutes tun will, ohne mich maßlos zu überessen. Es heißt für mich, mich nicht mehr auf die Waage zu stellen – was sagt denn eine Zahl bitte aus? Ich setze mich seit einigen Monaten mit dem Konzept des intuitiven Essens auseinander und es gelingt mir immer besser, zu verstehen, warum ich zum Beispiel bei Stress große Lust auf Süßes habe.

Mein Fazit: Ein Mensch, der sein Übergewicht (!) reduzieren will, braucht keine Ernährungsumstellung sondern eine Lebensumstellung – vor allem, wenn es sich um emotionales Essen handelt. Keine Verbote sondern Belohnungen. Nicht noch mehr Hass und Schimpfe sondern umso mehr Liebe und Zuspruch. Nicht noch mehr Druck, sondern mehr Toleranz und Zeit.

Und so lange das nicht der Fall ist, werden wir alle immer fetter, ausgehungerter und unglücklicher werden.

Tipps

Maria Sanchez werde ich immer wieder empfehlen. Neben den Büchern hat sie auch einige Videos auf Youtube, die du dir ansehen kannst.

Intuitiv abnehmen, ein weiteres gutes Buch. Den Titel find ich blöd. Er wurde ungeschickt aus dem Englischen übersetzt, wahrscheinlich, damit er massentauglicher wird. Lass dich davon nicht abschrecken, dieses Buch ist eines der Standardwerke, mit dem du wieder normal essen lernen kannst.

Dann empfehle ich noch „Kopfsache schlank“, die persönliche Abnehmgeschichte einer Neurowissenschafterin. Die Autorin selbst hat mich an manchen Stellen ein bisschen genervt. Sie hat nämlich ein Faible für Luxus und begeistert sich für Thigh Gaps. Nichtsdestotrotz ist das Buch eine gute Grundlage. Wenn du dich noch nie mit emotionalem Essen beschäftigt hast, hast du bestimmt einige Aha-Momente! Du kannst dir auch erst mal das Interview von ihr anhören, das Mark Maslow mit ihr geführt hat.

beitragsbild: pixabay/sasint

In diesem Artikel findest du Werbelinks. Das heißt, dass ich ein paar Prozent des Kaufpreises bekomme, wenn du etwas bestellst. Du hast dadurch keine Mehrkosten. Ich führe auf meiner Website nur Bücher, Produkte oder Dienstleistungen an, die ich selbst getestet/gelesen und für gut befunden habe.

8 Kommentare zu “Nie wieder Diät: Normal essen – wie können wir es wieder lernen?

  1. Pingback: Nie wieder Diät: Wie ich vom Abnehmen dick geworden bin -

  2. Hei Pipa,

    du hast ja so recht eigentlich.. man muss sich halt einfach wohlfühlen würde ich sagen 🙂 Ich habe aber eine Frage, undzwar bin ich auf das Bikinifigur-Coaching gestoßen und wollte mal wissen, ob das was bringt?! Die Erfahrungsberichte sind nämlich alle so positiv: (Hier stand Sandras Link, den ich natürlich nicht veröffentliche, weil neeeeeeein liebe Sandra ich scheiß auf solche Coachings!)

    lg sandra 🙂

  3. Liebe Pipa, leider passt meine Frage nicht zum Thema, aber ich fand keinen passenden Thread.
    Angeregt zur Fragestellung hat mich dein Artikel in der vice.com: “Wie ich Feministin wurde“

    Kennst du das Buch “Praktischer Idealismus“ (1925) von Coudenhove-Kalergie?
    Kalergie gehört zu den Gründungsväter der Europäischen Union und ist der allererste Karlspreis-Träger.
    http://nexxus.userboard.org/pdf-bucher-zur-aufklarung-f53/praktischer-idealismus-t4501.html
    Auf Seite 118 steht Bemerkenswertes zur Emanzipation der Frau:

    “Bezeichnend für die dynamische Einstellung unserer Epoche ist ihr männlich – europäischer Charakter. Die männlich-europäische Ethik Nietzsches bildet den Protest unseres Zeitalters gegen die weiblich-asiatische Moral des Christentums.
    Auch die Emanzipation der Frau ist ein Symptom für die Vermännlichung unserer Welt: denn sie führt nicht den weiblichen Menschentypus zur Macht – sondern den männlichen. Während früher die weibliche Frau durch ihren Einfluß auf den Mann teilnahm an der Weltbeherrschung – schwingen heute Männer beiderlei Geschlechtes das Zepter der wirtschaftlichen und politischen Macht. Die Frauenemanzipation bedeutet den Triumph des Mannweibes über die wirkliche, weibliche Frau; sie führt nicht zum Siege – sondern zur Abschaffung des Weibes. Die Dame ist schon im Aussterben: die Frau soll ihr folgen. – Durch die Emanzipation wird das weibliche Geschlecht, das bisher teilweise enthoben war, für den technischen Krieg mobilisiert und eingereiht in die Armee der Arbeit.”

    • Das klingt in diesem Kontext, nämlich einem, der partriarchale Strukturen zu Grunde hat, zunächst einmal ganz logisch. Doch was ist denn die “weibliche” Frau? Wer hat festgelegt, dass Macht männlich ist? Warum ist Streben nach Macht unweiblich? Wenn in solchen Texten von “früher” die Rede ist, wird die ganze Menschheitsgeschichte vor dem Beginn des Patriarchats wegignoriert. Solche Texte sind doch wieder nur dazu da, Weibchen gefügig zu machen und sie bloß von wichtigen Themen wie Politik fernzuhalten. Und meine persönliche Meinung: Ich sehe keinen einzigen Nachteil darin, keine Dame zu sein, im Gegenteil, es lebt sich so viel schöner und freier, nicht angepasst und permanent fuckable sein zu müssen. 🙂

      • Hallo Pipa, ich schreib hier, weil ich deine Texte ganz gut finde und sie so gar nicht meiner Vorstellung von Emanzipations-Lektüre entsprechen.

        Nun zum Text des Herrn Coudenhove-Kalergie und deren Umsetzung in der heutige EU.
        Die sogenannte Frauen-Emanzipation liegt im Interesse der männlichen Machthaber. Sie dient allerdings nicht dazu der Frau mehr Rechte zu geben, sondern ihr mehr Pflichten aufzuerlegen.
        Letztendlich kann so die Familie und Kindererziehung noch besser kontrolliert werden. Die Großfamilie wurde bereits erfolgreich durch den Staat zerstört und nun wird das gleiche mit der Kleinfamilie geschehen. Die neue Familie des Bürgers soll der Staat sein.

        Das Matriarchat ist keine Umkehrung des Patriarchat, sondern ein vollkommen anderer Familienentwurf. Ich weiß nun nicht, ob du diesen anstrebst, aber von den heutigen Machthabern ist dies mit Sicherheit nicht gewollt. Denn es würde deren Machtbefugnisse erheblich stärker einschränken, als die heutige Kleinfamilie.

        • Ich weiß, worauf du dich unter anderem beziehst – arbeitende Frauen bringen mehr Steuern etc. Aber da habe ich nicht genug Wissen und Willen, um diesen Text beurteilen zu können, das können andere besser – Antje Schrupp lese ich da sehr gerne und empfehle ich dir unbedingt. Außerdem bin ich keine Frau der Theorie, obwohl ich mich mit den Themen gründlich auseinandergesetzt habe, wie du aus meinem VICE-Artikel weißt. Also was ich sagen will: Ich will auf meinem Blog gar nicht gesellschaftliche Utopien rauf- und runterdiskutieren sondern schaun, wo wir als einzelne Frauen JETZT anpacken können, um unser Leben leichter zu machen.

          • Die Frau Schrupp ist Mainstream, für mich die typische Emanze, ich find sie langweilig.
            Deine Texte gefallen mir besser. Also mach weite so.

          • Wenn es “typische Emanzen” nicht gäbe, gäbe es auch diesen Blog nicht. Dann würde ich mich auch nicht trauen zu schreiben, was ich schreibe. 😉 Ich bin froh, dass es eine große Vielfalt in diesem Bereich gibt und lasse mich gerne davon inspirieren. 🙂

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